stemme.eu: Philosophie zwischen Gehirn und Geist
Zu den drängsten Fragen unserer Zeit gehört für mich die Frage nach unserem Verhältnis zum Gehirn. Während man auf naturwissenschaftlicher Seite heute genau zu wissen meint, dass Menschen, dass Lebewesen nichts weiter als ein Gehirn mit ein wenig Körper drumherum sind, weiß die Philosophie, weiß eine lange Geschichte der Philosophie, dass das nicht ganz so einfach denkbar ist, und so stritt man sich schon seit Urzeiten darum, wie wir uns und die Welt um uns herum richtig zu verstehen hätten. Dabei kamen immer wieder einzelne Denker durchaus zu der Annahme, dass alles, was es gibt, sicher nur aus Materie besteht ("Materialismus"), um dann von Nachfolgenden wieder ihres Thrones enthoben zu werden, die, auch in Anbetracht der Schwachpunkte materialistischer Theorien, andere Denkmodelle entwickelten. Diese Schwachpunkte materialistischer Theorien bestehen natürlich auch heute noch, sind auch heute noch nicht gelöst, und man könnte sie, wollte man sie auf den Punkt bringen, zusammenfassend Bewusstsein nennen.
Eine Bewusstseins-Beziehung zur Welt scheint auf eine geheimnisvolle Weise sehr speziell zu sein und mit allen anderen Beziehungen, die wir in der Welt um uns herum so beobachten können, wie zum Beispiel die "Schwerkraft-Beziehung", nicht so wirklich gut zu harmonieren. Bewusstsein ragt gewisser Maßen heraus, ragt oft sogar unreflektiert heraus, aus der Welt, denn es ist die Basis all unserer Beobachtungen und Untersuchungen der Welt um uns herum.
Im Prinzip ist dieser Streit, ob alles, was es gibt nur aus Materie besteht, oder ob es doch noch etwas anderes gibt, "Geist" oder heute meist "nur" noch "Bewusstsein", und wenn ja, was das denn sein sollte, bis heute bestehen geblieben. Es gibt noch immer Vertreter der einen Seite, die Materialisten, die heute in und mit den Naturwissenschaften eine neue Hochzeit feiern, und Vertreter der anderen Seite, wenn auch immer rarer, sogenannte "Dualisten" (es gibt Geist und Materie), "Idealisten" (wir können gar nicht wirklich wissen, was Materie eigentlich ist) oder auch "Phänomenologen", die versuchen aus dem, wie uns die Dinge eben erscheinen, ihre Schlüsse zu ziehen. Doch heute verharrt man meist in der Annahme, dass eben wirklich alles, was es überhaupt gibt, aus Materie besteht und wartet gespannt auf finale Erklärungen der Naturwissenschaften. "Ich bin mein Gehirn" (mit ein wenig Körper drumherum) wurde damit zur weithin akzeptierten Prämisse, deren Realisierungsdetails die Neurowissenschaften nach und nach zu kären haben, so die weitläufige Annahme.

Ein für mich sehr spannender Grund für die Undenkbarkeit dieser Ich-bin-mein-Gehirn-Annahme ist, dass mit dieser Annahme, unter der Prämisse des sogenannten "Materialismus", die Welt, wie wir sie sehen, beobachten und untersuchen, als gegeben vorausgesetzt wird, und zwar so, wie wir sie sehen, beobachten und untersuchen. Doch gerade an diesem Sehen, Untersuchen und Beobachten hat ja das Gehirn nach der eigenen Grundannahme des Materialismus einen ganz wesentlichen Anteil: Wie sieht dieser Anteil aus? Worin besteht dieser Anteil? Können wir zuverlässig unterscheiden zwischen "Weltanteil" und "Neuronenanteil" von all den Dingen, die wir "da draußen" so beobachten?
Gehirne respektive Neuronen verarbeiten die "Signale" dieser Welt, so lautet die Grundannahme des heute akutellen Materialismus, und diese Verarbeitung führt schließlich zu den verschiedenen Muskelbewegungen in Beinen und Armen (zum Beispiel zum Fortbewegen) oder auch im Mundbereich (zum Beispiel zum sogenannten "Sprechen"). Eine physikalisch geschlossene Kette von Ereignissen, so nimmt man auf Seiten der Naturwissenschaften gern an, die streng deterministisch und Naturgesetzen folgend abläuft, der jedoch eben eines fehlt: Bewusstsein. Wo lediglich mechanistisch gedachte, automatische Abläufe (ganz ähnlich denen der oben erwähnten "Schwerkraft-Beziehung") eine Rolle spielen, vom Lichtstrahl auf eine Retina über eine neuronale Kette von rein naturwissenschaftlich verstandenen Ereignissen hin zu Muskelbewegungen, braucht es nicht nur kein Bewusstsein, es wird sogar hinderlich: Warum sollte, bzw wie konnte die Evolution ein "Etwas" hervorbringen und (!) begünstigen, das kausal absolut wirkungslos ist?
Weit davon entfernt, hier auch nur eine einigermaßen befriedigende Antwort geben zu können, fehlt dieser Sichtweise auf uns und die Welt, fehlt dem Materialismus, noch ein weiteres, ganz entscheidenes Element: Da diese unsere Sichtweise auf die Welt in materialistischen Positionen gerade nicht reflektiert wird, da die Welt, wie wir sie (offenbar mit Hilfe unserer Gehirne) sehen, als fix und fest und gegeben angenommen wird, kann der Materialismus nicht darlegen, wie unser Wissen über die Welt, wie unsere Beobachtungen überhaupt zustande kommen können. Denn die "Signale" dieser angenommen fixen, festen Welt da draußen, versinken einfach stumm, farb- und geruchlos im neuronalen Feuerwerk unserer Gehirne, gelangen nur bis zu den Schnittstellen unserer Gehirne, bis zu Augen, Ohren, Nase, Mund, Haut und werden dort gewandelt in Neuronenfeuer. Wo aber ist das Bild? Wo ist der Baum, den ich sehe? Wo ist der Ton? Wie kommt es, dass ich sehe, höre, rieche, schmecke, spüre? Was kann ich von Lichtstrahlen überhaupt wissen, wenn jeder Lichtstrahl doch nur bis zu meiner Retina gelangt? Sehen lässt sich auf der Basis materialistischer Grundannahmen nicht erklären, wie auch nicht Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen. Die Basis für eine jegliche materialistische Grundannahme bilden unsere Beobachtungen, bilden Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen, entsprechend denen wir auch all unsere Messinstrumente konstruieren, und gerade für diese Basis ist der Materialismus und mit ihm die moderne Naturwissenschaft einfach blind. Es bleibt ihnen nichts als zu schweigen, und vielleicht auf "später" zu verweisen "Später" werden wir das alles noch genau verstehen ...
Doch es wird kein "Später" geben, denn das eigene Gehirn wird für jeden Materialisten zwangsläufig zum Paradox: Seine Theorie kann sich immer nur auf Andere beziehen, alle anderen (Lebewesen) können mechanistisch verstanden werden, nur er selbst, der Materialist, kann nicht mehr angeben, woher er sein Wissen über die Welt (und Gehirne) überhaupt haben kann, trotz (seinem eigenen) Gehirn.

Während so die Naturwissenschaften haltlos in ihre Beobachtungen stürzen, weiß eine lange Geschichte der Philosophie eben auch, dass wir beobachten, weiß, dass wir, wir Beobachter ein gewisses Verhältnis zur Welt haben, ein oben "Bewusstseins-Beziehung" genanntes Verhältnis zur Welt, das Bedingung aller Setzungen, aller unserer Beobachtungen ist. Damit kann aus der fixen, festen Welt des Materialismus eine Welt der "Erscheinungen", der "Vorstellungen" werden, in der in der Regel unterschieden wird, zwischen einem "tatsächlichen" Objekt da draußen, einem Baum zum Beispiel, und unserer Wahrnehmung, den Baum, den ich eben sehe, und man kann in verschiedene Richtungen weiterlaufen und weiterdenken: Vollständig auf den "Beobachter-Aspekt", das "Selbst" fokussieren (Hegel wäre hier gutes Beispiel, so denke ich, aber in gewisser Weise auch die sogenannten "phänomenologischen" Traditionen, z.B. Husserl oder Heidegger, und weitergehend natürlich alle Traditionen, die sich mit ethischen, sozialen oder politischen Aspekten des Lebens oder Zusammenlebens von uns Beobachtern beschäftigen, z.B. Smith, Arendt, Satre, Camus, Beauvoir, Adorno,, Luhmann, ...), oder versuchen beide Aspekte, Beobachtung und Beobachter, irgendwie unter einen Hut zu bringen (große Namen wären hier Platon, Descartes, Spinoza, Leibniz, Kant, Schopenhauer, ...). Doch in der Regel wird auf dieser Seite, nennen wir sie hier einmal kurz Geisteswissenschaften, weil sie dem Umstand Rechnung zu tragen versuchen, dass wir beobachten, dass wir eine Bewusstseins-Beziehung zur Welt haben, die anders zu sein scheint, als alle anderen Beziehungen, die wir in der Welt so beoabchten können, in der Regel wird auf der Seite dieser Geisteswissenschaften das Gehirn als empirisches Objekt unter den Mikroskopen der Naturwissenschaftler sehr suspekt, wird ebenso zur "Erscheinung"; denkend kann ich mein eigenes Gehirn nicht erfassen, denkend weiß ich gar nichts von meinem Gehirn. Denker, die dennoch versuchten, auch das Gehirn zu berücksichtigen, nicht nur das Selbst, sondern auch seine Beziehung über das Gehirn zur Welt zu betrachten, wurden gnadenlos ausgelacht (z.B. Descartes und Schopenhauer). So bleiben auf Seiten der Geisteswissenschaften heute anscheinend nur zwei Möglichkeiten: Die Frage nach uns und unserem Verhältnis zur Welt einfach nicht mehr zu stellen, sich "nur" noch um Fragen der Sprache, Ethik, Gesellschaft, Politik etc. zu kümmern, oder die Prämisse der Naturwissenschaften zu akzeptieren und mit ihnen darüber nachzudenken, wie die Neuronen wohl unser Bewusstsein hervor bringen oder es sogar sind. Doch wollen wir wirklich annehmen, dass Neuronen philosophieren?

Ich möchte, ich bin eigentlich, einen dritten Weg gegangen. Und ich denke, es geht gar nicht anders, denn dieser grundlegende Dualismus aus Beobachter und Beobachtung scheint mir unüberwindbar: Ich kann weder leugnen, dass da eine Welt ist, die ich beobachte, noch kann ich den Umstand ignorieren, dass ich eben beobachte. Beide Aspekte gehören in gewisser Weise untrennbar zusammen, und so wie es heute aussieht, nach dem, was all die vielen Fallbeschreibungen über Gehirnausfälle und ihre Konsequenzen erzählen, scheint das Gehirn, scheint mein Gehirn, doch ganz wesentlich daran beteiligt zu sein, wie ich die Welt wahrnehme.
Wie wäre es also, wenn wir doch beide Seiten anerkennen würden? Wir können doch eigentlich gar nicht anders: Sicher ist, dass wir die Welt beobachten, sicher ist, dass wir sehen, hören, riechen, fühlen, schmecken und sicher scheint heute ebenso, dass das Gehirn irgendetwas damit zu tun hat, mit diesem unseren Sehen, Hören, Riechen, Fühlen, Schmecken. Das Gehirn scheint damit irgendwie anders zu sein, als alles, was wir um uns herum so beobachten können, es scheint etwas mit unserer besonderen Bewusstseins-Beziehung zur Welt zu tun zu haben, es scheint etwas mit uns und der Welt zu tun zu haben. Ein scheinbar sehr spezielles "Sub-/Ob-jekt".
Vielleicht sollten wir es daher auch speziell betrachten? Als sehr spezielles "Sub-/Ob-jekt" in unseren Köpfen, von dem wir selbst nichts wissen, von dem uns aber Andere geradezu atemberaubende Geschichten erzählen können?
Vielleicht könnten wir also versuchen, eingefahrene Standpunkte, Ideologien miteinander zu verbinden, um so der Welt, uns und unserem Gehirn etwas genauer auf die Schliche zu kommen?
Der früher auch in den Naturwissenschaften durchaus anerkannte Philosoph Immanuel Kant leistete hier bereits 1781 einen bedeutenden Beitrag: Wir lernen nicht (nur) durch unsere Erfahrungen (d.i. also unsere Beobachtungen und Untersuchungen der Welt) etwas oder mehr über die Welt, so konstantierte er, sondern wir strukturieren unsere Sinneseindrücke in gewisser Weise, wir selbst haben einen Anteil an dem, was wir von der Welt wahrnehmen. Im Klartext gesprochen: Was ein Baum tatsächlich ist, jenseits dem, was wir von ihm wahrnehmen und untersuchen können, das entzieht sich einfach unserer Kenntnis. Wir können es nicht wissen. Nehmen wir an dieser Stelle nun das Gehirn als "Spezial-Sub-/Ob-jekt" einfach heraus, und berücksichtigen damit die Befunde der Naturwissenschaften über die Bedeutung des Gehirns für alle unsere Wahrnehmungen, so könnten wir dem lieben Herrn Kant nur zustimmend zu nicken: Was wir sehen, ist nicht einen Baum an sich, sondern eine neuronale Repräsentation von diesem Baum, was wir sehen ist also maximal das Ergebnis der Neuronenarbeit, das Ergebnis von dem also, was die Neuronen mit den von uns vermuteten "Weltsignalen" angestellt haben.
In gewisser Weise hat ein anderer bedeutender Philosoph, Arthur Schopenhauer, dies bereits 1819 zumindest so ähnlich gesehen und wurde dafür heftig gescholten. Man warf ihm vor, ein paradoxes System entwickelt zu haben, in dem die ganze Welt, die Materie, nichts weiter als ein Produkt der Vorstellung ist, welche vom Gehirn hervorgebracht wird, das jedoch selbst nur Materie ist, also eben auch Produkt der "Vorstellung" (bekannt als: "Zellerscher Zirkel"). Ohne den lieben Herrn Schopenhauer hier über Gebühr verteidigen zu wollen (er war ein unglaublicher Chauvinist) würde ich hier doch anmerken wollen, dass es sich derzeit erstens einfach so darstellt: Wir scheinen gar nicht mehr leugnen zu können, dass das Gehirn etwas damit zu hat, wie wir die Welt wahrnehmen. Und zweitens wird leider das Gehirn selbst für jeden Materialisten zu einem sagenhaften Paradox. (Als dritten Punkt könnte man, mehr als Fußnote gleichsam, anmerken, dass Schopenhauer schließlich auch die Perspektive wechselt und versucht, die Welt gleichsam von "innen" zu verstehen: So wie er sich von einem Willen getrieben sieht, sieht er den Stein von der Schwerkraft getrieben, aber darüber müsste bzw. könnte man ggf. in der Interaktiv etwas weiter und genauer philosophieren.) Das Gehirn scheint einfach sehr speziell würde ich damit also noch einmal unterstreichen wollen ... und mich bestätigt finden in der Forderung, es speziell zu betrachten.
Wenn wir das Gehirn als das besondere "Sub-/Ob-jekt" auffassen, das es all unseren heutigen Erkenntissen zur Folge durchaus zu sein scheint, und damit einerseits zugestehen, dass offenbar ein Unterschied zwischen der fixen, festen Welt "da draußen" und unseren Wahrnehmungen existiert, und andererseits aber eben das Gehirn als wirkliches "Spezial-Sub-/Ob-jekt" gewisser Maßen heraus nehmen, es als "Etwas" betrachten, das mit diesem Unterschied an Welt und Wahrnehmung offenbar wesentlich zu tun hat, dann können wir beide Aspekte berücksichtigen: Unsere Beobachtungen und den Umstand, dass wir beobachten. Wir müssen nicht länger entweder mit dem Materialismus haltlos in unsere Beobachtungen stürzen oder auf der anderen Seite fast ebenso haltlos in eine Welt der Erscheinungen driften. Und damit, so denke ich, öffnet sich ein ganz neuer Weg, und es ergeben sich äußerst spannende Perspektiven für unser Verständnis der Welt, für das Verständnis des Gehirns aber auch für das Verständnis von uns selbst.

Und genau das ist mein Arbeitsschwerpunkt.
Philosophie und Naturwissenschaften.
Geist mit Gehirn.
Vom Gehirnparadox zur Brücke zwischen Welten.